Pages Menu
TwitterRssFacebook
Categories Menu

Gepostet by on Dez 1, 2010 in Allgemein, Ausland, Geschichte, Internet, Medien, Politik, Wirtschaft |

„Wikileaks“-Dossier: China unter Umständen für ein geeintes Korea

Das traditionell sehr gute Verhältnis Chinas zu Nordkorea muss anscheinend neu bewertet werden. Im Zuge der sensationellen Enthüllungen von über 250.000 US-Botschaftsdepeschen, teils streng geheim, auf der Internet-Plattform „Wikileaks“ sind heute (30.11.2010) auch brisante Dokumente der Korrespondenz zwischen dem ehemals stellvertretenden Aussenminister von Südkorea, Chun Yung Woo und der US-Botschafterin in Seoul, Kathleen Stephens, an die Öffentlichkeit gelangt.

Wie die „Neue Zürcher Zeitung“ auf ihrer Homepage berichtet, kommt darin Chun zu dem Schluss, dass die Volksrepublik China einer Wiedervereinigung der beiden Koreas unter der Führung Südkoreas unter gewissen Bedingungen (keine US-Truppen auf dem Gebiet des heutigen Nordkoreas, keine Aggressivität von Seiten Seouls) duldend gegenübersteht. Diese Einstellung Pekings zur Koreafrage würde die seit über 57 Jahren erstarrte Situation der fernöstlichen Halbinsel fundamental ändern.

Stand der letzten Jahrzehnte war eine nach außen unerschütterliche Allianz zwischen dem stalinistischen Regime Nordkoreas und der Volksrepublik China. Bei unzähligen Gelegenheiten stützte Peking den allein überlebensunfähigen Staat auf der koreanischen Halbinsel. Schon 1950 griffen sogenannte chinesische „Freiwillige“ zu Hunderttausenden in den Koreakrieg ein und verhinderten so, dass ganz Korea Teil des US-amerikanischen Bündnissystems in Ostasien wurde.

Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks hielten die Sowjetunion und China den nordkoreanischen Alleinherrscher Kim Il-sung und sein totalitäres System mit Nahrungsmitteln, Technologie und vor allem Waffen an der Macht, während die USA den republikanischen Süden als Gegenpol zu Nordkorea unterstützte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion (1991) und dem Übergang der Macht auf den noch heute herrschenden Kim Jong-il (1994) blieb den Nordkoreanern nur noch Peking mit seinem strategisch wichtigen Sitz im UN-Sicherheitsrat als Schutzmacht.

Doch die Schutzmacht China ist einem Gespräch zwischen dem hohen südkoreanischen Beamten und der US-Botschafterin nach zunehmend frustriert, ob der Entwicklung in Nordkorea und mehr noch, es erwartet einen Zusammenbruch des Regimes in Pjöngjang spätestens drei Jahre nach dem Tod Kim Jong-ils. Zwar trickst die nordkoreanische Propaganda mit allen Mitteln, um die gesundheitliche Schwäche des Diktators bestmöglich zu kaschieren, doch selbst Kim Jong-il hat erkannt, dass er seinen Sohn und potenziellen Nachfolger Kim Jong-un schnellstens zu seinen Lebzeiten so stark wie möglich machen muss.

So findet beispielsweise der Angriff des Nordens auf die südkoreanische Insel Yeonpyeong am 23.11.2010 seine Erklärung in diesem Stärken des Sohnes in Verbindung mit der sogenannten Sŏn’gun-Politik („Armee zuerst“) Kim Jong-ils. Nur ein Führer, der entschlossen und aggressiv mit dem Militärapparat auf die vermeintlichen Bedrohungen durch Südkorea und die USA (gemeinsame Militärmanöver standen zum Zeitpunkt des Angriffs bevor) reagiert, kann sich seiner Legitimation durch die allmächtige nordkoreanische Volksarmee sicher sein.

Wenn man dem Inhalt der auf „Wikileaks“ veröffentlichten Depesche Stephens‘ Glauben schenken darf, so ist dieser Artillerie-Überfall vom Dienstag in den Augen der Chinesen eine Art letztes Zucken eines sterbenden Regimes. Peking rechnet bei einem Zusammenbruch Nordkoreas mit bis zu 300.000 Flüchtlingen im Grenzgebiet der beiden formal kommunistischen Staaten. Auch der völlige Zusammenbruch der Zivilgesellschaft mit unabsehbaren Folgen für die Nordkoreanische Volksarmee beschwören die chinesischen Diplomaten herbei.

So ist es nicht verwunderlich, dass Peking bereit wäre, ein der USA zugeneigtes, vereintes Korea als friedliche Wirtschaftsmacht (Absatzmarkt für die explodierende chinesische Exportwirtschaft) als Alternative zu diesem Horrorszenario zu akzeptieren. Doch abseits dieser möglichen Kehrtwende der Chinesen, drängen sich verschiedene Fragen zu der Zukunft der koreanischen Halbinsel auf.

Was passiert mit möglichen Atombomben im Besitz Nordkoreas?

Wird das Regime trotz fehlender Rückendeckung durch China seine Macht friedlich abgeben?

Kann Südkorea wirtschaftlich eine Wiedervereinigung mit dem industriell stark rüchständlichen Norden stemmen?

Wie kann man Hunderttausende von Stalinisten in eine vereinte koreanische Gesellschaft integrieren, ohne neue Konflikte heraufzubeschwören?

Als Blaupause kann die deutsche Wiedervereinigung für Korea nur bedingt dienen, zu schwerwiegend sind die Unterschiede. Die Rückständigkeit Nordkoreas und der durch Krieg und Konflikte tiefverwurzelte Hass zwischen beiden ideologischen Lagern in den Regierungen lassen ein in allen Bereichen zusammengewachsenes Korea in weite Ferne rücken.